Interview: Relaunch Website Access for all
Seit dem 14. Juli 2009 ist diese neu gestaltete Website für die Stiftung «Zugang für alle» im Web. Markus Riesch, Co-Geschäftsleiter der Stiftung «Zugang für alle», hat die Gelegenheit benutzt, dem Leiter des Redesign ein paar Fragen zu stellen.
Markus Riesch, Stiftung «Zugang für alle»(ZFA): Sven Jenzer, Sie haben das Redesign und die Realisierung der Website koordiniert, wie lange ist das Projekt schon am laufen?
Sven Jenzer (SJ): Das Projekt für das Redesign startete im Januar 2009. Es gab jedoch bereits ein Vorprojekt das im Jahr 2008 stattfand. In einer Semesterarbeit eines Studiums für benutzerzentriertes Interaction Design wurden Vertreterinnen und Vertreter der Zielgruppen befragt. Zwei Studierende versuchten herauszufinden, welche Themen erwartet werden und wie diese am besten angeordent werden sollten. Basierend auf diesen Erkenntnissen für die Informationsstruktur, starteten wir dann im Januar mit der Überarbeitung der Inhalte.
ZFA: Die Website wird neuerdings mit einem «Content Management System» (CMS) betrieben. Ist das der neuste Trend?
SJ: Es geht weniger darum einem Trend zu folgen, als darum, die passende Technik aus einer Fülle von Möglichkeiten auszuwählen. Die Stiftung hat eine Lösung gesucht, die vielen Anforderungen entsprechen muss und dabei auch noch bezahlbar ist und die Unabhängigkeit sicherstellt.
(ZFA): Können Sie uns die wichtigsten Anforderungen nennen?
SJ: Zuerst soll die Website einfach aktualisierbar sein durch die MitarbeiterInnen der Stiftung, zweitens soll die Website die wichtigsten Möglichkeiten zur Publikation bieten, wie HTML-Editor, Datei-Upload, Bild- und Video-Einbindung und Drittens soll sie richtig barrierefrei sein. Wir möchten zuerst einmal eine Website die unsere blinden, sehbehinderten und mehrfach behinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr gut benutzen können. Dann sollen sie diese auch bedienen können.
Eine wichtige Anforderung ist, ein Beispiel für barrierefreies Webdesign zu haben, das wir vorzeigen können. Barrierefreies Webdesign ist einem laufenden Prozess der Erweiterung und Verbesserung unterworfen. Die neue Website bietet die Möglichkeit einerseits die grundlegenden Vorkehrungen zu veranschaulichen und darüber hinaus auch moderne Konzepte im Einsatz zu testen. Ein Beispiel dafür sind die WAI-ARIA Landmarks, die sie mit aktuellem Screen-Reader und Browser Firefox bereits testen können.
ZFA: Sie haben das CMS Joomla! gewählt, weshalb?
SJ: Diese Wahl hat neben der Eignung – die wir ganz sachlich evaluiert haben – eine persönliche Komponente. Zuerst aber zu den Fakten: Joomla! ist natürlich Open-Source und kostet uns keine Kauf- und Lizenzgebühren. Dann weist das System seit Version 1.5 eine strikte Trennung zwischen Darstellung, Inhalt mit Struktur und Logik auf. Die Informatiker nennen das «Model-View-Controller» (MVC). Direkt von dieser Architektur profitiert die Design-Abteilung. Sie kann die wildesten Design-Vorlagen (Templates) schaffen, die zudem auch noch standardkonform und barrierefrei sein können. Die Vorteile von dieser soliden Technik sind gross und in diesem Bereich der einfach handhabbaren Systeme nicht selbstverständlich.
Ich möchte zudem erwähnen: Es gibt derzeit auch andere Open-Source-CMS die barrierefreie Darstellung der Inhalte anbieten, der Gerechtigkeit halber seien auch diese genannt: Plone (basierend auf Zope), Typo 3 (mit Anpassungen), TYPOlight und Drupal (mit Anpassungen) sowie WordPress. Sicher kommen laufend weitere dazu, denn Barrierefreiheit ist heute ein Muss. Vielleicht gibts dazu an dieser Stelle bald einmal eine Übersicht.
ZFA: Das klingt komplizert.
SJ: Ist es aber letztlich nicht. Bei vielen Internet-Providern ist Joomla! bereits vorinstalliert, mit einigen Mausklicks aktivieren Sie eine eigene Website. Seit Version 1.5 werden mit Joomla! drei Design-Vorlagen (Templates) mitgeliefert, eine davon heisst Beez. Beez ist sehr gut barrierefrei und kann sehr einfach angepasst werden. Beez
ist die Grundlage vom Design dieser Website. Das ist doch cool – sie können gratis und ganz einfach ein CMS nutzen, das bereits mit einem barrierefreien Muster-Design daherkommt, sie müssen nur das Beez-Template mit einem Mausklick auswählen.
ZFA: Wie einfach ist es so ein System zu aktivieren mit der gewünschten Navigations-Ordnung?
SJ: Tatsächlich ist es unter dem Strich immer noch recht kompliziert und wir möchten in einem zweiten Teil dieses Projektes, die gemachten Erfahrungen dokumentieren und zur Weitergabe aufbereiten. Wir sind davon überzeugt, dass weitere NPO's davon profitieren können. Das sollte noch einfacher werden.
ZFA: Besonders ist sicher auch der Einsatz von Gebärdensprachvideos. Wie sind Sie vorgegangen, um diese Videos einzubinden? Was sind die Vorteile, wenn Gebärdensprachvideos zusätzlich untertitelt und vertont sind?
SJ: Wir stellen in unseren Tests immer wieder fest, dass die Texte der Websites zu kompliziert sind. Deshalb war es uns wichtig, diese Problematik mit einem positiven Beispiel zu veranschaulichen. Die grosse Herausforderung vieler Websites als Informationsmedium besteht darin, einerseits die Allgemeinheit zu informieren und andererseits auch Spezialisten anzusprechen. Die wichtigsten Inhalte wurden deshalb zuerst redaktionell in einfache Sprache gefasst. Dann wurden die Gebärdensprachvideos von FOCUSFIVE
produziert. Indem diese Videos auch mit Lautsprache und Untertiteln versehen sind, profitieren nicht nur Menschen mit Hörbehinderung davon, sondern auch alle, die es vorziehen, einen einfachen Text in gemütlichem Tempo zu hören oder zu lesen.
Bei der Einbindung wurde darauf geachtet, alle Hauptinhalte mit diesen Zusammenfassungen zu versehen. Eine Herausforderung war die technische Funktionalität barrierefrei hinzukriegen: Die Videos (wie die ganze Website) müssen ohne Maus, also auch nur mit der Tastatur bedienbar sein. Deshalb – sowie auch wegen der besseren Übersicht – öffnen die Gebärdensprachvideos in einem neuen Fenster.
ZFA: Sie erwähnten vorher eine persönliche Komponente – was hat es damit auf sich?
SJ: Die Webdesignerin des Beez-Template, Angie Radtke
aus Bonn, engagiert sich seit Jahren für barrierefreies Webdesign, sie ist Autorin des Buches «Barrierefreies Webdesign – Attraktive Websites zugänglich gestalten»
. Man hat sich ursprünglich vor Jahren in Diskussionsforen kennengelernt und sich gegenseitig geholfen. Mit unseren Tests haben wir Angie bereits ein paarmal Feedback gegeben und werden ihr bei der weiteren Optimierung für Barrierefreiheit von Joomla! weiterhin beistehen. Wir sind stolz und sehr zufrieden, konnten wir Sie für die Mitarbeit an dieser Website engagieren. Das Design und die Template-Programmierung sind aus ihrer Küche.
ZFA: Was ist weiter geplant?
SJ: Die Zusammenarbeit mit Angie, die ja auch einen Fuss im Entwickler-Team von Joomla hat, wird sicher weitergehen, dort sind eindeutige Schritte für noch bessere Barrierefreiheit geplant (siehe Diskussionsblog: Jfoobar)
. Natürlich können auch die Entwickler anderer Systeme von dieser Arbeit profitieren. Dann wird die aktuelle Website in die Sprachen Französisch und Englisch übersetzt. Weiter möchten wir die Erfahrungen aus dem Redesign dieser Website zusammenfassen und publizieren.
ZFA: Vielen Dank für dieses Interview.
