Damit das WWW allen dient
07.12.2011, Appenzeller Zeitung
Von Monika Egli
Allein in der Schweiz leben rund eine Million Menschen mit einer Behinderung. Trotz zahlreicher Hilfsmittel stossen sie im Internet immer wieder auf unüberwindbare Hindernisse. Die Stiftung «Zugang für alle» und mit ihr die Gruberin Petra Ritter arbeiten daran, diese Barrieren aufzuheben.
Petra Ritter hört hoch konzentriert zu, gleichzeitig fliegen ihre Finger über die Tastatur. In einem Sprechtempo, das für das ungeübte Ohr nicht mehr zu verstehen ist, sagt ihr der Computer, was aktuell auf dem Bildschirm zu sehen respektive was sie gerade am Eingeben ist: Schier unglaublich, man versteht kein einziges Wort. Petra Ritter lacht, wechselt routiniert in ein neues Fenster und stellt die Stimme auf «langsam». Ab und zu stockt auch sie, wenn sie zum Beispiel ein Wort nicht auf Anhieb einordnen kann. Dann streichen ihre Finger über die Braillezeile, wo sie das Gesprochene in Blindenschrift überprüfen kann.
Petra Ritter ist cerebralgelähmt, ohne aber auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein. Sie ist stark sehbehindert (mit einem Auge sieht sie noch 25 Prozent, mit dem anderen nur Umrisse). Zusätzlich ist sie sprach- und motorisch behindert. Für ihre Arbeit benützt sie deshalb einen sprachgestützten Computer.
Expertenteam testete
Seit ihrer Gründung im Jahr 2000 ist Petra Ritter in einem Teilzeitpensum bei der Stiftung «Zugang für alle» angestellt. Die Stiftung hat nach 2007 dieses Jahr zum zweiten Mal Websites aus der ganzen Schweiz auf ihre Nutzbarkeit und Tauglichkeit für Behinderte überprüft. Hintergrund bildet das Behindertengleichstellungsgesetz, das seit 2004 in Kraft und für die öffentliche Hand verbindlich ist. Das Gesetz soll sicherstellen, dass Websites der öffentlichen Hand auch für Sprach-, Hör-, Seh- und motorisch Behinderte zugänglich ist. Getestet hat ein Team von Experten. Darunter befanden sich nebst Petra Ritter noch fünf weitere Personen mit Behinderungen, sind sie es doch, die Barrieren und Stolpersteine am besten feststellen können. Ein grosses Problem besonders für Sehbehinderte seien alle Arten von PDF-Dateien, vor allem aber von Grafiken, sagt die Gruberin. Solange diese nicht mit einem Alternativtext hinterlegt sind, gebe es keine Möglichkeit für den Computer, sie zu «lesen». Und Grafiken sowie zum Teil sehr komplexe Excel-Tabellen seien häufig vertreten, gerade auf Seiten von Banken. Wenn der Webdesigner diese Alternativtexte beim Einspeisen von Grafiken im gleichen Arbeitsgang hinterlege, sei das weder aufwendig noch kostspielig, während sich das Nachbearbeiten dann doch um einiges komplizierter gestalte, wie Petra Ritter weiss. Ihr Wunsch wäre es, dass mit Alternativtext hinterlegte Grafiken zum Standard werden.
Cerebralgelähmt seit der Geburt
Petra Ritter ist vor 43 Jahren behindert zur Welt gekommen: «Für mich ist das der Normalfall.» Als Kind besuchte sie die Schule für cerebralgelähmte Kinder in St. Gallen und wechselte nachher ins Blindenschulheim in Zollikon: «Von Integration war damals noch keine Rede.» Hätten sich ihre Eltern nicht für sie eingesetzt und hätte sie sich nicht selber auch sehr bemüht, «dann wäre ich den damals üblichen Weg einer behinderten Person gegangen: Behindertenschule, geschützte Werkstatt, Behindertenaltersheim.» Stattdessen ist Petra Ritter eine sehr gebildete Person, die sich gewählt ausdrückt – vieles hat sie sich selber beigebracht. Dazu gehört auch, dass sie sich in den 90er-Jahren mehrmals in England aufhielt, um die Sprache zu lernen und sich in Sachen Computer weiterzubilden. Sie lebt im Haus ihrer Eltern in der appenzellischen Grub, wo sie ein eigenes «Reich» samt Büro hat. Für die Stiftung «Zugang für alle» arbeitet sie 17 Stunden pro Woche.
Finanzen: Ein Dauerthema
Dass sie schon bei der Gründung der Stiftung dabei war, bezeichnet sie als Zufall. Ein blinder Informatiker fragte sie damals an, ob sie ins «Projekt mit ungewissem Ausgang» einsteigen wolle. «Wir haben praktisch ohne finanziellen Hintergrund angefangen», erinnert sich Petra Ritter, «trotzdem gibt es uns nun schon mehr als zehn Jahre.» Die Finanzen aber blieben knapp – bis heute. Obwohl die Stiftung auch Menschen mit Behinderung einstellt, erhält sie keinerlei finanzielle Unterstützung wie beispielsweise eine geschützte Werkstatt. So finanziert man sich über Spenden, Projektbeiträge von Gönnern und über selber erwirtschaftete Mittel. Jede Firma kann die Stiftungsmitglieder anstellen und sie beauftragen, die Firmen-Website zu zertifizieren. Damit wird nachgewiesen, dass die Website dem internationalen Accessibility-Standard sowie den Bundesrichtlinien entspricht.
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