Accessibility-Studie-2011: Immer noch zu viele Stolperfallen
29.11.2011, Unic.com Magazin
Was sind die Gründe, weshalb immer noch eine Million Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz, welche von einer Behinderung betroffen sind, mit (unnötigen) Barrieren auf Websites zu kämpfen haben? Dieser Frage ist die Stiftung Access for All in einem umfassenden Test von über 100 Schweizer Websites des Gemeinwesens nachgegangen.
Egal ob im privaten Alltag oder für wichtige Behördengänge: Das Internet und seine Möglichkeiten sind heute nicht wegzudenken. Gerade für Menschen mit Behinderungen stellen die neuen Technologien ein Weg zur Selbstständigkeit und Chancengleichheit dar. Internetangebote helfen demnach, Barrieren abzubauen. Gleichwohl schaffen sie neue Hindernisse – nämlich dann, wenn sie nicht für alle Menschen zugänglich sind: Die in Bildern und Grafiken enthaltenen Informationen stehen Blinden nicht zur Verfügung, Audio-‐Beiträge sind für Gehörlose nicht wahrnehmbar, komplexe Textinhalte sind für Menschen mit kognitiver Behinderung unverständlich und Websites, die schnelle Eingaben erfordern, sind für Menschen mit motorischer Behinderung nicht bedienbar, wenn zu rasch die folgende Meldung erscheint: «Ihre Session ist abgelaufen.» Stolperfallen dieser Art gibt es zahlreiche, leider nicht nur auf den Websites privater Unternehmen.
Die Accessibility-Checkliste, – an der auch Unic mitarbeitete – bildete die Grundlage für die Tests von rund 200 Websites von Bund, Kantonen, den zehn grössten Städten, bundesnahen Betrieben, Medien, Stellenbörsen, Hochschulen und öffentlichen Verkehrsvetrieben.
100 Websites im Test ‐ sehr grosse Spannweite bei den Resultaten
Doch obwohl staatliche Stellen wie Bund, Kantone und Gemeinden gemäss Behindertengleichstellungsgesetz, das seit 2004 in Kraft ist, verpflichtet sind, ihre Angebote für alle Menschen zugänglich zur Verfügung zu stellen, sind die erwähnten Stolperfallen auch dort reichlich anzutreffen. Im Rahmen der Accessibility-Studie 2011 untersuchte ein gemischtes Team aus Web-Accessibility-Experten mit und ohne Behinderungen 100 wichtige Websites der öffentlichen Hand und privater Unternehmen und stellte fest: Es ist eine sehr grosse Spannweite bei den Resultaten vorhanden.
Erfreulich ist, dass die Websites der Bundesverwaltung ihre bereits in den früheren Studien guten Ergebnisse beibehalten konnten, mit wenigen Ausnahmen: Besonders negativ aufgefallen ist die Website des Schweizerischen Bundesgerichts, die nach wie vor völlig unzugänglich für Menschen mit Behinderungen ist.
Die grössten Fortschritte sind bei den Websites der Kantone festzustellen. Die Kantone Appenzell Ausserrhoden, Graubünden, Jura, Zürich, Zug und Schaffhausen konnten sich teilweise sehr stark verbessern und erreichen zusammen mit den Kantonen Glarus und Bern die jeweils beste Bewertung der Barrierefreiheit mit fünf Sternen. Am Schlechtesten abgeschnitten haben die Websites der Kantone Wallis, Basel‐Landschaft und Neuenburg.
Ebenfalls zweigeteilt sind die Ergebnisse der zehn grössten Schweizer Städte: Sehr gut zugänglich sind die Websites der Städte Zürich, St. Gallen und Winterthur, während die Seiten von Bern, Genf, Basel, Lugano, Lausanne und Biel nur teilweise oder gar nicht behindertentauglich sind.
Etwas düsterer sieht das Bild bei den privaten Unternehmen aus: Einzig die bundesnahen Betriebe, die neuen Auftritte der Schweizerischen Post und der SBB, sowie einzelne Websites von Radio- und Fernsehsendern und Verkehrsverbunden erreichen eine gute Zugänglichkeit, während die Mehrheit der getesteten Sites nur teilweise oder überhaupt nicht barrierefrei sind. Wenig Fortschritte konnte auch bei der Zugänglichkeit von PDF-Dokumenten festgestellt werden. Obwohl viele Informationen in diesem Format publiziert werden, sind die meisten PDF-Dokumente nicht geeignet für Menschen mit Behinderungen.
Accessibility-Studie 2011: Immer noch zu viele Stolperfallen