Biels Webseite birgt viele Barrieren
16.11.2011, Bieler Tagblatt
Von Janosch Szabo
Menschen mit einer Behinderung treffen auf der Internetseite der Stadt Biel fast überall auf Stolpersteine. Eine Studie stellt der Plattform ein schlechtes Zeugnis aus.
Ein schlichtes und übersichtliches Design, gute Kontraste zwischen Schrift- und Hintergrundfarbe, skalierbarer Text, klare Strukturen, sinnvolle Alternativtexte: Für Sehende ansprechend, für Menschen mit Behinderungen problemlos nutzbar. Das wäre der Optimalfall. Die Webseite der Stadt Biel ist es ganz und gar nicht. In einer gestern publizierten Studie der Stiftung für behindertengerechte Technologienutzung «Zugang für alle» kommt Biels offizieller Internetauftritt sehr schlecht weg. Ein Stern von fünf möglichen im umfassenden Test auf Zugänglichkeit bedeutet: letzter Platz in der Rangliste der zehn grössten Städte, deren Webseiten untersucht wurden. In Worten:Die Seite der Stadt Biel ist unbrauchbar für Menschen mit Behinderungen. So steht es im Schlussbericht der Studie.
Textbandwürmer
Hinzu kommt eine Auflistung allerhand negativ aufgefallener Punkte. So können zum Beispiel Sehbehinderte nicht einfach Text vergrössern, ohne dass sich Seitenelemente verschieben. Der Kontrast zwischen Vorder- und Hintergrund ist zu gering. Überschriften sind für Sehende zwar grafisch gut erkennbar, für Blinde, die mit einem Bildschirm-Lesegerät arbeiten, aber nicht korrekt formatiert. Fehle die Information, dass es sich um einen Titel handelt, lese der Screen-Reader dem blinden Nutzer einfach einenTextbandwurm vor, erklärt Thinh-Lay Tong, die an der Studie mitgearbeitet hat. Ein anderes Problem seien Grafiken und Bilder mit Informationsgehalt, die ohne Textalternative dastünden. Hervorgebracht hat diese Mängel vor allem ein Praxistest. Das Szenario: Die Testperson möchte einen Blindenführhund anmelden und sucht deshalb nach Informationen zum Vorgehen. Wenn möglich, soll die Anmeldung gleich online vorgenommen werden. Auf der Webseite www.biel-bienne.ch war bei diesem Schritt Endstation. Der Link zum Anmeldeformular war für die blinde Testperson nicht auffindbar. Insgesamt resultierte bei allen Kriterien – wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robust – die niedrigste Bewertung.
«Ich bin natürlich nicht erfreut über dieses Resultat», sagt Evelyne Kurmann, Projektleiterin Kommunikation der Stadt Biel: «Es ist uns aber bewusst, dass wir im Bereich der Zugänglichkeit ein Manko haben.» Das soll sich mit der im Hintergrund bereits begonnenen Gesamtüberarbeitung der städtischen Webseite ändern, wie Kurmann erklärt.
Mehr Titel, bessere Struktur
Sie weiss denn auch, wo ansetzen: «Zum Beispiel sollten wir mehr Titel setzen, Links besser strukturieren und eine Möglichkeit schaffen, Bilder zu beschreiben. Auch bei den PDFs sind Anpassungen nötig.» Es gelte aber, gut abzuschätzen, wie weit man gehen will. Gebärdensprachevideos beispielsweise, wie sie die Stiftung «Zugang für alle» vorschlägt, um gezielt Gehörlose zu informieren, seien eine Frage des Aufwands und der Kosten. Grundsätzlich erachtet es Kurmann aber als sehr sinnvoll, die Webseite einer Stadt zugänglich zu gestalten: «Alle sollen sich dort die grundlegenden Informationen holen könnnen.» Dieser Ansicht sind auch die Studienverfasser. Gerade fürMenschen mit Behinderungen stellten die neuen Technologien einen Weg zur Selbständigkeit und Chancengleichheit dar, schreiben sie in einer Medienmitteilung, halten in der Studie aber auch fest, dass die zehn grössten Schweizer Städte ihren Rollen als Vorbilder und Innovatoren für das Schweizer Gemeindewesen diesbezüglich nicht gerecht würden.
Nur die Stadt Zürich konnte die Zugänglichkeit ihrer Webseite im Vergleich zur letzten Accessibility-Studie 2007 erheblich verbessern. Die Bieler Internetplattform wurde zum erstenMal getestet. In ein paar Jahren möchte Evelyne Kurmann sicher bedeutend besser abschneiden als jetzt, wie sie sagt. Bis zur Fertigstellung der neuen Webseite wird es aber noch einige Monate dauern.