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Fachtagung: Accessibility Day 2009

Alex Oberholzer«Es gibt noch zu viele Hindernisse in den Gesetzen, in den Köpfen und in der gebauten Welt», begrüsst der Filmkritiker und Journalist Alex Oberholzer die zahlreichen Teilnehmer und Referenten. Alex Oberholzer ist seit von Geburt an gehbehindert. Für ihn heisst Accessibility nichts anderes als: «man nimmt ältere und behinderte Menschen ernst». Das Ziel der Veranstaltung ist denn auch, die verschiedenen Perspektiven von Barrieren aufzuzeigen und Erfahrungen auszutauschen.

 

Zugängliche multimediale Informationen

Hindernisse trifft man nicht nur in Form von Stufen, sie begegnen einem auch im Zugang zu Fachliteratur, Comics, Film, Partituren oder Büchern aller Art. «95 Prozent dieser Informationsträger sind in keinem zugänglichen Format publiziert», weiss Bernhard Heinser, Mitbegründer des DAISY Consortiums. Mehr noch: Es gibt keine weltweiten standardisierten Lösungsansätze. Für Heinser wäre die Volksschule, die beste Art der Integration. Nur sind Lehrbücher für Sehbehinderte und Gehörlose nicht zugänglich.

Das DAISY Consortium Achtung link öffnet sich in einem neuen Fenster setzt sich zum Ziel, die Zugänglichkeit von multimedialen Informationen zu normieren. Das Konzept umfasst nicht nur das Empfangen von Botschaften, es schliesst ebenso das Senden, Produzieren und Aufbereiten mit ein.

 

IT-Technologie auf halbem Weg

Im Internet bestimmt das World-Wide-Web-Konsortium (W3C) über Richtlinien. Seit 1999 bestehen für Web Zugänglichkeit weltweit gültige Regeln – so genannte Web Content Accessibility Guidelines (WCAG). In der Schweiz sind zudem Bund, Kantone und Gemeinden verpflichtet, Dienstleistungen über das Internet barrierefrei anzubieten. Für Private ist das Gesetz nicht verbindlich. Dennoch: Immer mehr Unternehmen programmieren ihre Applikationen und Webportals nach zugänglichen Regeln. So auch die Credit Suisse. Sie verfolgt das Ziel, die Bank mit der besten Zugänglichkeit der Schweiz zu sein. Dafür werden die Bankomaten zum Sprechen gebracht und in der Höhe für Kunden im Rollstuhl angepasst. Auch Kontoauszüge werden in Blindenschrift gedruckt. Zurzeit arbeitet ein IT-Projektteam an einer einheitlichen Software-Struktur (Java-Framework-Standard) zur Entwicklung von Benutzeroberflächen für Webapplikationen.

 

Neue Web-Accessibility-Standards

Seit Dezember 2008 existieren neue Web Content Accessibility Guidelines (WCAG 2.0). Was hat sich geändert? Markus Riesch, Leiter der Schweizerischen Stiftung «Zugang für alle», fasst kurz zusammen: «Die neuen Richtlinien sind technologieunabhängig und erlauben den Einsatz von HTML- und CSS-fremden Technologien.» Das heisst: Die WCAG 2.0 passen sich den neuen multimedialen Inhalten an. Weiter gibt es genormte Vorgaben für Web Designer und Entwickler für folgende vier Kriterien: Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit, Robustheit.

 

Caroline Ast, Web-Entwicklerin beim Schweizer FernsehenFür das Schweizer Fernsehen steht ein wichtiger Schritt an. Das SF-Videoportal kann nun den neuen technischen Vorgaben entsprechend umprogrammiert werden. Alle im Internet angebotenen Sendungen sollen auch für Menschen mit einer Sehbehinderung zugänglich gemacht werden. Nur einfach ist das nicht. «Wir stehen vor einer grossen Herausforderung, weil es an bewährten Beispielen fehlt», sagt Caroline Ast, Web-Programmiererin beim Schweizer Fernsehen. «Barrierefreiheit kann nicht einfach so umgesetzt werden, Barrierefreiheit ist ein Prozess», lautet ihr Fazit.

 

Gebärdensprachvideos im Internet

Bei Barrierefreiheit stehen vielfach die Hürden für blinde und sehbehinderte Menschen im Vordergrund. Für gehörlose, visuell orientierte Menschen sind geschriebene Texte aber ebenso ein Problem. Für viele Gehörlose ist nicht Deutsch, sondern die Gebärdensprache die Muttersprache. Deshalb sind Texte keine gleichwertige Alternative. Stanko Pavlica kam gehörlos zur Welt. Er hat 2003 ein Web-Fernsehen gegründet und übersetzt mit seiner Firma FOCUSFIVE Achtung link öffnet sich in einem neuen Fenster Texte in Schweizerdeutsche Gebärdensprache. Seine Filme kommen überall dort zum Einsatz, wo Geschriebenes auch Gehörlose erreichen soll. Pavlica erhebt nicht den Anspruch, dass sämtliche Internetseiten in Gebärdensprache übersetzt werden müssen, aber für die wichtigsten Botschaften ist dies notwendig.

 

Um Hindernisse auszuräumen, braucht es weit mehr, als das Überwinden von fünfunddreissig Stufen. Es braucht den Willen der Gesellschaft, der Behörden, der Wirtschaft und der Betroffenen. Es braucht Kreativität und Fortschritt.

Den Anlass beendet Prof. C.A. Zehnder von der ETH Zürich: «Wenn es uns gelingt, die heutigen technischen Möglichkeiten vernünftig einzusetzen, so dass Brücken entstehen, dann ist das etwas Wertvolles.»

 

Autor: Franziska Vonaesch

Folien und Videos zu den Referaten

Webcasts mit Gebärdensprache und Slides Achtung link öffnet sich in einem neuen Fenster